Kommt das Ende der Laufzeitverlängerung?
Solest beobachtet voller Spannung die Entwicklungen der deutschen Energiepolitik
Berlin, 25. März 2011. Auf diese Weise hat sich niemand einen Wandel in der deutschen Energiepolitik gewünscht. Erst eine grauenhafte Naturkatastrophe und ihre tragischen Folgen führten am 15. März 2011 zum Umdenken der deutschen Bundesregierung. Mit dem Tohoku-Erdbeben in Japan, vom 11. März 2011, einem verheerenden Tsunami und dem anschließenden schweren Störfall im Kernkraftwerk Fukushima-Daiichi geriet die Atompolitik Deutschlands sowie in weiten Teilen der Welt in Erklärungsnöte. Bis zum Ende des von Angela Merkel angesetzten Moratoriums werden sieben der 17 deutschen Kernkraftwerke abgeschaltet. Ist dies der Anfang eines forcierten energiepolitischen Wandels oder ein Spiel auf Zeit?
Fakt ist: Alle Kernkraftwerke Deutschlands erwirtschaften seit Jahren immense Einnahmen. Längst sind die Investitionen, die einst nötig waren, um die Atomkraftwerke (AKW) zu erbauen, refinanziert. Selbst die für einen Abriss nötigen Rückstellungen wurden von allen Kraftwerksbetreibern in mehr als ausreichendem Maße gebildet. Bereits 2007 fasste der damalige Umweltminister und heutige SPD-Parteivorsitzende Sigmar Gabriel eine Studie des Öko-Institutes, einer unabhängigen Forschungs- und Beratungseinrichtung, zusammen: „Selbst wenn wir die weltweit bekannten riesigen Gefahrenpotentiale der Atomkraft unberücksichtigt lassen, schneidet Atomstrom allenfalls mäßig ab – sowohl hinsichtlich der Emissionen als auch hinsichtlich der Kosten. Atomkraft ist und bleibt keine Option für den Klimaschutz. Wir haben deutlich bessere Möglichkeiten der Energieerzeugung zur Verfügung: Erneuerbare Energien und Kraft-Wärme-Kopplungen.“
Einem geplanten Ausstieg aus der Kernenergie folgte der politische Wandel im Deutschen Bundestag. Nach anfänglichen Überlegungen der neuen, schwarz-gelben Regierung eine Brennelementesteuer einzuführen, folgten Drohungen der AKW-Betreiber. Diese forderten, auf eine derartige Steuer zu verzichten, andernfalls gingen alle Reaktoren sofort vom Netz. Versorgungslücken und Preissteigerungen wären die Folgen. Der Schachzug fruchtete. Statt den Ausstieg in die Wege zu leiten, verkündeten Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) am 5. September 2010, dass die deutschen Kernkraftwerke zusätzliche Stromerzeugungskapazitäten in Höhe von 1.804,278 TWh erhalten sollen, genug, um jedes Kraftwerk im Durchschnitt zwölf weitere Jahre am Netz zu lassen. Noch am selben Tag unterzeichneten die Bundesregierung sowie die vier großen Energiekonzerne Deutschlands einen entsprechenden Vertrag. Bis 1980 gebaute KKW bleiben demnach acht Jahre länger, neuere KKW 14 Jahre länger am Netz.
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) hielt diese Laufzeitverlängerung für einen Fehler. „Wir raten der Bundesregierung dringend davon ab, die Laufzeiten für Kernkraftwerke zu verlängern“, meinte Prof. Dr. Martin Faulstich, Vorsitzender des Sachverständigenrates für Umweltfragen. „Längere Laufzeiten sind keine Brücke, sondern ein Investitionshindernis für die erneuerbaren Energien.“ Erst das Tohoku-Erdbeben, vom 11. März 2011, verschaffte Kritikern und ihren Bedenken Gehör. Die Frage ist nun: Was kann, was wird sich ändern? Am 15. März teilte die Bundeskanzlerin mit, dass vorerst die sieben ältesten deutschen Kernkraftwerke während des Moratoriums abgeschaltet werden. Eine kurzfristige Reaktion – doch ist sie der Wandel? Schon melden sich Kritiker, mahnen steigende Energiepreise, Versorgungsengpässe und dramatische Folgen für die Wirtschaft an. Nicht mehr als Säbelgerassel, glaubt man führenden Wissenschaftlern.
Wissenschaftler der Universitäten Stanford und Davis errechneten in einem Plan für eine emissionsfreie Welt bis 2030, dass die weltweite Umstellung auf erneuerbare Energien rund 100.000 Mrd. US-Dollar kosten würde. Deutlich höher sind jedoch die Kosten für das Festhalten an fossilen- und atomaren Energiequellen, wie Berechnungen der Energy Watch Group zeigen. Demnach wurden im Jahr 2008 weltweit zwischen 5.500 – 7.750 Mrd. Dollar in fossile und atomare Energien investiert. Dies entspräche, auf 20 Jahre hochgerechnet, Investitionen zwischen 110.000 – 150.000 Mrd. US Dollar. Noch liegt ein weltweiter Ausstieg allerdings in weiter Ferne. Für Deutschland und Europa hingegen ist er greifbarer denn je.
Laut der 2008 vorgelegten Leitstudie des Bundesumweltministeriums (BMU) können die erneuerbaren Energien in Deutschland bis 2020 einen Anteil von 30 Prozent an der Stromversorgung problemlos erreichen. Genug, um den geplanten Wegfall der Kernenergiekapazitäten vollständig zu ersetzen. Laut brancheninternen Prognosen decken die erneuerbaren Energien in Deutschland bereits im Jahr 2020 mit 48 Prozent knapp die Hälfte des gesamten deutschen Strombedarfs. Der im Januar 2010 von der Agentur für erneuerbare Energien vorgelegte Potenzialatlas zeigt, dass die hierfür bereitliegenden technischen Möglichkeiten in Deutschland noch größtenteils unerschlossen sind. Solar-, Wind- und Bioenergie stehen ungeahnte Entwicklungspotenziale zur Verfügung. So werden bislang nur 2,5 Prozent der geeigneten Gebäudeflächen für die Erzeugung von Sonnenstrom oder -wärme genutzt. Solarparks auf Freiflächen belegen heute mit rund 1.700 Hektar nur etwa 0,005 Prozent der Landesfläche.
Ein Gutachten des Sachverständigenrats für Umweltfragen kam 2010 zu dem Ergebnis, dass Deutschland im Jahr 2050 vollständig durch erneuerbare Energien versorgt werden könne. Prof. Dr. Olav Hohmeyer, Hauptautor des Gutachtens, betonte, dass bereits 2030 eine Vollversorgung mit Strom aus erneuerbaren Energien möglich sei, wenn die konventionellen Kraftwerke frühzeitig abgeschaltet sowie die Netz- und Speicherinfrastruktur angepasst würden. Die solest GmbH stellt sich der Herausforderung und ist für die Anforderungen der Zukunft bereit. Hoffen wir auf einen Wandel im Denken. Es wäre schließlich höchste Zeit.



